Sportkommentator Stefan Hofmänner/ SRF

Hofmänner konzentriert bei der Arbeit. / ©SRF

TELE Guten Tag Herr Hofmänner, es ist Dienstag. Wäre Montag und Dienstag nicht eigentlich Ihr Papi-Tochter-Tag?

STEFAN HOFMÄNNER (schmunzelt) Es sind Schulferien und da ist sowieso alles etwas anders. Diese beiden Tage haben sich ergeben, weil ich beim SRF am Wochenende eigentlich immer gearbeitet habe und ich danach Montag und Dienstag frei hatte. In meiner neuen Funktion bei Swiss Ski ist es dann aber nicht mehr so klar, das muss sich dann neu einpendeln.

Es scheint, Sie haben eine sehr innige Beziehung zur 11-jährigen Tochter Lina?

«Mis Töchterli isch es ganzes cools Meitli.» Ich weiss nicht, ob man grundsätzlich  mit einem Elternteil die gleiche Wellenlänge hat und gleich tickt. Ich hatte das zu meinem Vater. Ich liebe meine Mutter heiss, aber meinen Vater muss ich nur anschauen, dann weiss ich, was er denkt. Bei meiner Tochter ist das gleich.

Sie wohnen jetzt zwar in der Stadt, sind aber in Kehrsatz aufgewachsen. Vermissen Sie Land und Natur denn nicht?

Ich bin nicht so ein Naturfreak, dass ich stundenlang in den Wald gehe, und den Vögel zuhöre. Aber wenn möglich, bin ich schon draussen. Und im Vergleich mit anderen Leuten kann ich sehr viel Freude an kleinen Sachen haben. Etwa an einer kleinen Eidechse, die auf einer Mauer von der Sonne beschienen wird, und an der alle anderen vorbeilaufen würden. Oder wenn ich am Joggen bin, finde ich es genial, wenn ich junge Enten oder einen Specht sehe, dann bleibe ich einen Moment stehen. Die Natur ist mir schon wichtig und ich fühle mich ihr extrem verbunden.

Sie treiben also viel Sport?

Ja, am liebsten aber spielerische Sachen wie Tennisspielen und Volleyball. Wenn ich nicht dreimal in der Woche «bällele» kann, dann muss ich halt Joggen gehen. Aber ich bin kein Ausdauersportler. In meiner Sportlehrer-Ausbildung habe ich die Definition von Ausdauer gelernt, die ist so schön: «die psycho-physische Ermüdungswiderstandsfähigkeit». Und ich bin weder psychisch noch physisch besonders ermüdungswiderstandsfähig. Körperlich bin ich eher schnellkräftig, habe nicht so viele langsame Muskelfasern. Und psychisch: Wenn es zu lange gleichförmig bleibt, dann beginne ich, mich schnell einmal zu fragen, was ich hier eigentlich mache. Darum ist Ausdauersport nicht so mein Ding, obwohl ich weiss, dass es sehr gesund ist.

 

Wie kam es denn nun zu Ihrem Wechsel zu Swiss Ski?

Sie sind auf mich zugekommen. Sie kamen aber relativ defensiv auf mich zu und haben nicht wirklich damit gerechnet, dass ich ja sage.

 

War denn irgendwas bekannt, dass Sie etwas suchen?

Nein, ich habe nichts gesucht. Seit ein paar Jahren merke ich aber schon, dass ich unglaublich viel beim Fernsehen gemacht habe. Inzwischen sind es fast 3000 Archiveinträge. Es ist nicht mehr gleich leicht, kreative und neue Ideen zu haben. Es gibt ja eine Journalistenkrankheit, dass man irgendwann das Gefühl hat, alles bereits einmal gemacht, alles schon einmal so erzählt und alles schon einmal so formuliert zu haben – und das gab es bei mir ansatzweise. Dennoch war es überhaupt nicht so, dass es mir verleidet wäre und dass ich begonnen hätte, mich umzuschauen.

 

Mussten Sie lange überlegen?

Es war sofort eine denkbare Option und ich konnte mich relativ schnell mit dem Gedanken anfreunden, dass das etwas Cooles sein könnte und dass vielleicht auch der Moment gut ist. 17 Jahre Fernsehen habe ich hinter mir, ungefähr 17 Jahre habe ich noch vor mir in meinem Berufsleben. Und es ist ein supercooler, attraktiver Job.

 

Wie war die Trennung von Michael Bont?

Ich habe während der Winter, die ich mit meinem guten Freund Michi Bont (Anm. d. Red.: sein Ski-alpin-Kommentatoren-Kollege) unterwegs war, viel übers Leben philosophiert. Wir haben immer gesagt: Ab und zu braucht es das, dass du den sicheren Hafen verlässt und zu neuen Ufern aufbrichst, um dich auch menschlich weiter zu entwickeln. Es tat uns beiden extrem weh, dass diese Zeit zu Ende geht. Ende der Weltcupsaison – auf der Lenzerheide – haben wir beide «grännet», es war sehr emotional.

 

Werden sie es nach 17 Jahren nicht vermissen, im Mittelpunkt zu stehen?

Ich war nie ein Fernsehschaffender, der das als Lebenselixier braucht. Für mich ist das sogar eine Belastung, wenn ich in der Öffentlichkeit stehe. Wenn ich etwa nach einer Ski-WM wieder öfters zu sehen war, stresste es mich, durch die Stadt zu laufen und mich beobachtet zu fühlen. Das hat mich ab und zu auch den Schlaf gekostet, weil ich etwas harmoniebedürftig bin und es gerne allen recht machen würde. Aber das geht ja nicht. Und wenn dich die Leute so mustern, denkst du immer: Findet der mich nun gut, oder hat er sich über mich genervt? Denn logischerweise regen sich immer ein paar über dich auf, du kannst nicht allen gefallen. Darum fiel mir die Entscheidung zu gehen vielleicht etwas leichter als anderen, die gerne im Mittelpunkt stehen.

 

War das mit ein Grund, dass man in all den Jahren so wenig über Sie gelesen hat?

Ich war effektiv 15 Jahre lang kein Thema. Ich habe keine Geschichten abgelehnt. Es hat gar niemand angefragt. Aber das liegt vielleicht daran, dass ich «nur» Kommentator bin, und interessant sind natürlich Gesichter, die man kennt. Und dann denke ich, dass ich keiner bin, der polarisiert. Ich bin wahrscheinlich relativ allgemeinverträglich. Und spannend sind natürlich die, die polarisieren.

 

Sie fühlten sich also nie richtig als öffentliche Person?

Es gibt Journalisten, die denken, dass wenn du einen solchen Job hast, dann verlierst du jegliches Recht auf Privatleben. Da bin ich radikal anderer Meinung. Ich betrachte mich als fleissigen Medienarbeiter.  Deswegen hat doch niemand das Recht, mich persönlich in die Pfanne zu hauen. Es ist auch nicht so, dass wir so viel verdienen, wie alle immer meinen. Das stimmt hinten und vorne nicht. Ich finde es wird sehr fahrlässig mit Kritik umgegangen, und es wird nicht in Betracht gezogen, dass es Menschen sind mit Gefühl und nicht nur Kommentatoren, die froh sein können, dass sie das machen dürfen.

 

Was waren denn Ihre positiven Highlights in den vergangenen 17 Jahren beim SRF?

Hmm … das ist ganz schwierig, ich bin extrem schlecht darin, Ranglisten zu machen. Ich kann sicher keine abschliessende Aufzählung geben, aber vielleicht dies: Es hat mich einige Male fasziniert, dass etwas eine spezielle Dynamik annahm, weil alles zu stimmen begann. Das erste Mal war dies bei den Olympischen Sommerspielen 2000 in Sydney, dort stimmte alles, die Atmosphäre der Spiele, bei uns im Team war es genial. Dann, zwei Jahre später, die Übertragung des Gigathlons an der Expo.02. Das war eine völlig absurde Übung. «Mer hei gchrampfet wi d Vollidiote.» Jeden Tag 
eine Spezialsendung, und das Ganze hat eine totale Eigendynamik bekommen. Es sprach sich in der ganzen Schweiz herum, es war unglaublich. Dann die Ski-WM 2007 in Åre, magisch! Oder das 
Eidgenössiche Schwingfest in Burgdorf. Eigentlich waren alles grosse Geschichten, aber das letztjährige war «outstanding». Auch dort hat alles gestimmt.

Zur Leichtathletik kamen sie beim Fernsehen dann aber erst sehr spät?

Mit Ausnahme kleiner Zusammenfassungen zum Letzi-Meeting hatte ich 15-Fernsehjahre praktisch nichts damit zu tun. Erst als Peter Minder das Fernsehen verlassen hat und der Posten als Leichtathletik-Kommentator frei wurde, habe ich mich gemeldet.

 

An der EM werden Sie wieder gemeinsam mit Patrick Schmid kommentieren. Harmonieren Sie gut?

Ja, absolut. Ich wusste vorher schon, dass wir gut harmonieren. Sonst darf man so etwas gar nicht eingehen. Wir passen auch von der Arbeitsweise gut zusammen, nicht nur menschlich.

 

Nun kommt die EM nach Zürich, einer Ihrer letzten Einsätze für SRF.

Danach kommen noch die beiden Diamond-League-Meetings Weltklasse Zürich sowie Brüssel und zum Schluss der Kilchberg Schwinget. Aber die EM ist natürlich das absolute Highlight meiner Leichtathletik-Kommentatoren-Karriere, eine Riesenkiste. Ich könnte mir vorstellen, dass das ebenso etwas Besonderes wird wie die vier Events, von denen ich vorher berichtet habe. Dafür gibt es schon gewisse Anzeichen. Wir werden wieder völlig im Notfall-Modus laufen. Das werden so brutale Tage! Wir kommentieren 50 Stunden in 6 Tagen, und da ist noch keine Vorbereitungszeit dabei. Aber ich freue mich extrem.

 

Gibt es eine Disziplin, auf die Sie sich speziell freuen?

Ich bin halt einfach ein absoluter Fan der technischen Disziplinen. Ich hab die Würfe und Sprünge gerne. Eigentlich finde ich alles lässig an der Leichtathletik, aber die technischen Disziplinen sind mir näher.

 

Das sind ja nicht unbedingt die Disziplinen, in denen die Schweizer gut sind.

Das stimmt, aber das ist für mich nie ein Problem gewesen. Wenn ich einen zweiten Lauf im Ski-Slalom der Frauen ohne Schweizerinnen kommentieren musste, fragten mich manchmal Leute, ob das nicht schrecklich für mich sei. Da antwortete ich jeweils, dass meine Kollegen ja auch Champions-League-Matches mit grossem Enthusiasmus kommentieren, ohne dass ein Schweizer dabei ist. Wenn du den Sport gut findest, dann gefällt dir der Sport. Natürlich ist es umso lässiger, wenn noch eine Schweizerin oder ein Schweizer um die vorderen Positionen mitfightet.

 

Wie schätzen Sie die Qualität der Schweizer Leichtathletik ein?

Eigentlich als gut. Ich finde, die EM hat spürbar etwas ausgelöst. Natürlich sind viele dabei, die nicht gerade Stricke zer-reissen werden. Und was zurzeit fehlt, ist ein internationales Zugpferd wie seinerzeit André Bucher oder Werner Günthör. Das wäre chic gewesen. Lisa Urech könnte so jemand werden. Ich bin mir nicht sicher, ob die Leute überhaupt wissen, wie gut sie war. Mit ihrer persönlichen Bestzeit hätte sie an den letzten Grossanlässen stets eine Medaille geholt. Dann wurde sie leider gesundheitlich gebremst.

Sticht noch jemand heraus?

Es gibt eine absolut einzigartige Frauensprint-Generation. Alles coole, junge Frauen. Ich glaube, die können noch weit in die nächsten Jahre hineinstrahlen. Auch sonst gibt es ganz viele sehr, sehr spannende Figuren in der Schweizer Leichtathletik. Sie haben vielleicht nicht das Format, einen WM- oder EM-Final zu erreichen, aber es sind einfach gute Typen, und darum können sie trotzdem etwas bewirken.

 

Hat sich die Doping-Situation nun eigentlich gebessert?

Es hat sich sicher gebessert seit der Zeit als es noch keine unangemeldeten Trainings-Kontrollen gab. Das war der radikale Fortschritt in der Doping-Bekämpfung nebst den wissenschaftlichen und medizinischen Fortschritten. Da gab es wirklich den Leistungsknick. Nur, das Problem ist, dass es nicht überall gleich gut funktioniert. Anti-Doping Schweiz ist sensationell. Wenn du selbst die grössten Aushängeschilder wie Roger Federer in der Nacht aus dem Hotelzimmer holst, dann machst du deine Arbeit aber richtig gut. Auch wenn es dem Sportler stinkt. Aber das ist so gut für die Glaubwürdigkeit.

 

Ist das denn nicht überall so?

In Jamaika etwa gibt es keine unabhängigen Doping-Kontrollen. In diesem Jahr haben sich zwei Kontrolleure extrem unbeliebt gemacht, weil sie unter Protest ausgetreten sind und sagten, man liesse sie nicht machen. Das ist ein Drama. Dort kontrolliert nur Wada, die Welt-Anti-Doping-Agentur. Aber die kann ja nicht auf dem ganzen Planeten Doping-Kontrollen machen. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass sie bei dir vorbeikommen. Wenn unser Standard weltweit Norm ist, wird es richtig schwer, zu dopen. Was ich natürlich super finde, ist das Einfrieren von Doping-Kontrollen. Dann könnte in den  Sponsorenverträge stehen, das wenn man gedopt hat, die Beträge zurückbezahlt werden müssen. Dann überlegt man sich das Dopen mehrmals.

Der Kilchberger Schwinget soll gemäss aktuellem Stand also Ihr letzter grosser Auftritt als SRF-Kommentator sein.

Ja, und ich freue mich sehr auf diesen Anlass Anfang September. Das Schwingfest, das nur alle sechs Jahre stattfindet, ist immer ein Highlight – was die Atmosphäre vor Ort betrifft, aber auch in Bezug auf das sportliche Niveau. Das Schwingen wird mich sicher auf die eine oder andere Art auch weiterhin beschäftigen, doch da ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts spruchreif. Ich könnte es mir aber gut vorstellen.