Kommentator Stefan Bürer.

Hart am Ball: Kommentator Stefan Bürer. (Foto: © SRF/Freshfocus/Valeriano Di Domenico)

Eine erste Saisonbilanz: Kommentator Stefan Bürer (50) vor dem Tennis-Herbst auf SRF (mit Swiss Indoors, ATP World Tour Finals und Davis-Cup-Final) über einen unglaublichen Jahresauftakt, den Heimdruck – und Heinz Günthardt.

 

TELE: Was sagen Sie zum bisherigen Tennis-Jahr 2014 der Männer?

Stefan Bürer: Es hat natürlich unglaublich angefangen. Man hat am Australian Open auf Federer gehofft, Wawrinka hat gewonnen. Und nachher war es grösstenteils von der Rückkehr Rogers geprägt. Wobei es nicht zum ganz grossen Titel gereicht hat. Aber wenn du mit 33 Jahren nochmals so weit nach vorne kommst, nachdem dich wieder einmal alle abgeschrieben haben, ist das doch auch nicht so schlecht. Für mich war es ein gutes Jahr, und es ist ja noch nicht fertig.

 

Hätten Sie einen solchen Exploit von Wawrinka erwartet?

Am Sonntag vor dem Turnierstart habe ich noch die Live-Schaltung zur Wahl des «Schweizers des Jahres» am Swiss Award zu Wawrinka im Hotel in Melbourne betreut. Dadurch hatte ich etwas engeren Kontakt zu ihm als normalerweise. Dabei habe ich gespürt, wie bewegt er war, dass er gewählt wurde. Da hatte ich schon das Gefühl, das könnte ihm einen Schub verleihen. Wie fest das dann schlussendlich aber mit dem Titel zusammenhing, weiss ich natürlich nicht.

 

Hängt Wawrinkas Aufschwung mit Magnus Norman zusammen, von dem er seit letztem Frühling trainiert wird?

Der hatte bestimmt einen ganz grossen Einfluss. Irgendwann hat es bei ihm im Kopf «klick» gemacht. Ich glaube es war 2013 am Australian Open der Achtelfinal gegen Novak Djokovic, den er ganz knapp erst im fünften Satz verlor (Anm. d. Red.: 6:1, 5:7, 4:6, 7:6, 10:12). Dort hat er erstmals gespürt, ich bin wirklich ganz nahe dran. Die Zusammenarbeit mit Norman brachte ihm dann sicherlich auch technisch etwas. Er konnte primär die Vorhand verbessern und lernte, aggressiver zu spielen. Und ich denke, dass sie auch im mentalen Bereich gearbeitet haben und dass ihm das nochmals einen Kick gab.

 

Aber trotz dieses «Klicks» kommen bei Wawrinka doch immer wieder diese Dämpfer mit unnötigen Niederlagen. Wieso ist das so?

Ich glaube, das Problem ist, dass Wawrinka einen relativ eindimensionalen Plan hat: mit seiner Wucht den Gegner zu zerdrücken. Wenn das aufgeht und funktioniert, sieht dies wahnsinnig gut aus. Wenn es aber nicht aufgeht, macht er sehr viele Fehler, und dann kann er gegen viele Spieler auch verlieren. Es fehlt im teilweise also so etwas wie ein Plan B.

 

Erstaunlich ist aber, wie gut er solch unnötigen Niederlagen jeweils wegsteckt. Woran liegt das?

Ich glaube, weil er Step by Step aufgestiegen ist – es war ja nie raketenmässig, sondern kontinuierlich, hat er sich auch einen gewissen Realitätssinn in diesem Business angeeignet: Es ist im Tennisnicht normal, zu gewinnen. Normaler ist die Niederlage. Der kontinuierliche, langsame Aufstieg hilft Wawrinka jetzt sicher, mit diesen Situationen umzugehen. Er ist sich Niederlagen eher gewohnt als ein Federer. Dieser musste dieses Gefühl erst wieder kennenlernen. Roger Federer hat uns halt verwöhnt, und durch ihn sind die Ansprüche in unserem Land inzwischen schon enorm hoch.

 

Bei den Swiss Indoors in Basel hat Wawrinka bei sechs von zehn Starts gleich das erste Spiel verloren, woran könnte das liegen?

Ich denke, er hat oft Probleme vor Heimpublikum zu spielen. Das sieht man im Davis-Cup, in Gstaad und Basel. Er setzt sich zu fest unter Druck. Er will es daheim wahnsinnig gut machen, aber es klappt einfach nicht so richtig. Er hat offensichtlich Mühe, die positive Atmosphäre für sich in positive Energie umzumünzen. Es blockiert ihn mehr, als dass es ihn antreibt.

 

Das Turnier in Basel ist wahrscheinlich auch speziell für Sie selber?

Ja, natürlich! Es ist ein super Anlass, die Halle ist eigentlich immer voll. Es ist speziell, da es quasi bei Roger zu Hause ist, ich kenne Turnierdirektor Roger Brennwald seit 20 Jahren. Wir vom Fernsehen werden jedes Jahr sehr freundlich und herzlich empfangen und erhalten Zugang zu Bereichen, wo wir sonst nicht hinkommen, beispielsweise sogar bis zur Spielergarderobe.

 

Sie sind inzwischen auch schon ein altbekanntes Gesicht auf der ATP-Tour. Wie ist Ihr Verhältnis zu den Spielern?

Basel ist eine Ausnahme, da kommen wir sehr nahe an die Spieler heran. Aber bei den Grand-Slam-Turnieren beispielsweise kann es passieren, dass du nie einen Spieler siehst, ausser du machst ein Interview mit ihm. Demnach ist der Kontakt natürlich nicht sehr intensiv. Je tiefer ein Spieler aber klassiert ist, umso eher kommst du an ihn ran. Bei Roger und Stan ist es dann so, dass man sich zufällig trifft und dann ein bisschen miteinander schwatzt.

 

Hat der Status von Federer schlussendlich auch Ihnen vom Fernsehen etwas die Türen geöffnet?

Ja, durch den Erfolg von Roger und jetzt von Stan ist die Möglichkeit grösser, auch Interviews mit den anderen Stars zu bekommen, alleine halt nur schon durch die Tatsache, dass diese in der Endphase eines Turniers aufeinandertreffen. Als dänisches Fernsehen hättest du keine Chance, beispielsweise mit einem Nadal ein Interview zu führen.

 

Und wie sehen Sie Federers bisheriges Jahr?

Grundsätzlich im Vergleich zum letzten Jahr bisher eine hervorragende Saison. Was ihm fehlt, ist ein Grand-Slam-Turnier-Titel. Dem war er in Wimbledon relativ nahe (Anm. d. Red.: im Final 7:6, 4:6, 6:7, 7:5, 4:6 gegen Novak Djokovic). Beim US Open hat man gedacht, der Weg sei offen. Aber dann lief er in einen, der in diesen Tagen wohl unschlagbar war (Anm. d. Red.: Halbfinal-Niederlage gegen Marin Cilic). Das war etwas schade, weil es zwei Chancen waren, die er vielleicht hätte packen können. Aber insgesamt war es ein gutes Jahr und es kommt ja noch etwas.

Sie haben nie an ihm gezweifelt?

Ich habe ihn nie abgeschrieben, nein, und bin nicht so überrascht, dass er nochmals so weit nach vorne gekommen ist. Natürlich wird er älter und wahrscheinlich auch nicht mehr unbedingt besser. Aber wenn er das Niveau einigermassen halten kann und sich gewisse Möglichkeiten ergeben, kann er durchaus noch Grand-Slam-Turniere gewinnen, wieso auch nicht. Ich habe keine Angst, dass er irgendwann weit zurückfällt.

 

Wo sehen Sie seinen Hauptfokus: Erneute Nr. 1, weiterer Major-Titel oder endlich der Davis-Cup?

Die Nr. 1, denke ich, ist bei ihm nicht so das Thema. Das ist mehr eine Begleiterscheinung, wenn du gut spielst. Seine primären Ziele sind wirklich, weitere Titel zu gewinnen. Er sagt ja auch selber immer, dass ihm auch kleinere Titel etwas bedeuten, jeder ist etwas Spezielles. Natürlich wird er weitere Major-Titel anstreben, das ist seine Hauptpriorität. Und im Davis-Cup ist nun die Chance da (Anm. d. Red.: Final gegen Frankreich vom 21. bis 23. November). Die Frage ist, was passiert, wenn sie es nicht packen. Greift er im nächsten Jahr nochmals an? Das wird er sich gut überlegen. Die Auslosung wäre ja einigermassen gut für den Davis-Cup im nächsten Jahr. Sollte es in diesem Jahr aber klappen, kann es sein, dass er sich sagt, okay, jetzt habe ich ihn. Das sind Abwägungen, die du dir in diesem Alter machen musst. Aber er war ja schon immer ein Meister der Planung. Die Erklärung seines nachhaltigen Erfolgs ist wirklich auch, wie er es immer wieder fertiggebracht hat, zu planen und auch zu verzichten. Zum Teil zum Unverständnis der Leute.

 

Wie sehen Sie nun die Chancen auf den Davis-Cup?

Zum einen sind die Franzosen natürlich unglaublich viel breiter besetzt als die Schweiz. Wenn sich bei denen einer verletzt, ist das ein kleineres Problem als bei uns. Das andere ist, dass von den Franzosen keiner an den ATP World Tour Finals dabei sein wird – in der Woche zuvor, auf anderem Belag. Sie können sich also viel besser vorbereiten. Rein die Voraussetzungen sind für die Franzosen also wesentlich besser. Jetzt ist die Frage, wieviel Energie unsere beiden noch haben und ob sie sich so schnell auf Sand umstellen können. Ich traue es ihnen absolut zu. Sowohl Roger als auch Stan sind in der Lage, jeden von den Franzosen zu schlagen. Ich erwarte eine ausserordentlich ausgeglichene Angelegenheit.

 

Im nächsten Jahr feiern Sie und Heinz Günthardt Ihr 20-jähriges Jubiläum als SRF-Tennis-Kommentatoren-Duo. Haben Sie eigentlich auch in der Freizeit Kontakt?

Ja, das ist eine Freundschaft. Wir sehen uns immer wieder und unternehmen etwas zusammen. Wie ein altes Ehepaar. Meine Frau sagt immer wieder, er sei wie meine zweite Ehefrau. Wir sind ja sehr oft wochenlang nur zu zweit unterwegs, und das geht nur, wenn man sich versteht. Wenn das nicht so «giige» würde, wäre es relativ schwierig, jeden Tag gemeinsam so viel Zeit zu verbringen.

 

Stehen Sie selber immer noch häufig auf dem Tennisplatz?

Durch meinen Beruf ist das halt etwas schwierig, weil ich genau entgegengesetzt zum «normalen» Menschen arbeite, also am Abend und am Wochenende. Aber wann immer möglich, suche ich mir schon Gelegenheit zum Spielen. Einmal in der Woche habe ich Training mit einer Mannschaft, und da versuche ich immer dabei zu sein.

 

Sie bekommen ja sicher auch etwas Privat-Coaching von Heinz Günthardt?

Ja, wir haben auch schon zusammen gespielt, und dann hat er mir schon gesagt, woran es hapert. Wobei, das habe ich vorher schon gewusst. Theoretisch wäre ich super gut durch all die tausende Stunden, in denen ich den Grossen zusehen konnte. Aber die Umsetzung ist leider nicht immer ganz so einfach.